Falter, 2012

Städtetourismus in der Kampfzone

Für seinen preisgekrönten Filmessay fuhr Dariusz Kowalski heimwärts „Richtung Nowa Huta“

filmkritik: michael omasta

Die sozialistischen Modellstädte, die Ende der 1940er-, Anfang der 1950er-Jahre in den osteuropäischen Staaten aus dem Boden gestampft wurden, sehen alle gleich aus. Eine überdimensionierte Prachtstraße zieht sich, gesäumt von Plattenbauten, schnurgerade durch die ganze Stadt und endet jeweils vor den Toren des mächtigen Stahlwerks, um das herum sie einst errichtet wurde: Eisenhüttenstadt in der DDR, Dunaújváros in Ungarn, Nowa Huta in Polen. Dariusz Kowalski, 1971 in Krakau geboren, kam im Alter von 20 Jahren nach Wien und studierte visuelle Mediengestaltung an der Angewandten. Für die Dreharbeiten zu seinem dokumentarischen Filmessay fuhr er zurück „Richtung Nowa Huta“ – eine am Reißbrett entworfene Stadt für 280.000 Einwohner, die heute zu Krakau gehört und in Auflösung begriffen ist. Für den Filmemacher ist alles hier von Kindheit an vertraut und fremd zugleich. Seine bevorzugte Einstellung ist die Totale, die Menschen und ihre Umgebung in ein Bild zusammenfasst. Ein paar Halbstarke, die auf dem Parkplatz einer aufgelassenen Fabrik ihre Fahrkünste ausprobieren; zwei alte Herren bei einer Partie Schach; Schulstanglerinnen beim Tschicken; und ein Brautpaar, das sich in einer völlig devastierten Industriehalle ablichten lässt. „23. Jahrhundert, nach dem Atomkrieg“ lautet die Regieanweisung des Hochzeitsfotografen dazu. „Liebe blüht in Trümmern.“ Dann besucht der Filmemacher einen Freund seiner Familie, der zwei Jahrzehnte lang, bis 1982, im Stahlwerk gearbeitet und nebenbei, als Fotograf, die Geschichte der Stadt dokumentiert hat. Der alte Gewerkschafter steht am Fenster und hält Farbnegative gegen das Licht. Auf einem sieht man Kowalski als Kind. Später, auf ein paar anderen, Lech Walesa. Wie zufällig findet der Film so immer wieder großartige Bilder (Kamera: Martin Putz, Schnitt: Dieter Pichler), in denen sich Geschichte und Gegenwart, große Politik und persönlicher Alltag ineinander verschränken. Die Hauptstraße, einst Lenin-Allee, wurde nach der Wende zur Solidarnoæ-Allee. Erzählt zumindest ein junger Fremdenführer, der ein Pärchen in seinem Trabi durch die Stadt chauffiert und Auskunft über eine Zeit gibt, die er selbst nur mehr aus Erzählungen kennt. „Crazy Guides“ ist ein florierendes Unternehmen, das sich darauf spezialisiert hat, die Touristen auch durch Krakaus „verrufene“ Vorstadt zu führen. In den 1980ern wurde Nowa Huta als einer der zentralen Schauplätze der polnischen Gewerkschaftsbewegung regelrecht zur Kampfzone. Während die Ordnungskräfte in Krakau leichtes Spiel mit den Demonstranten hatten, ließen sich die „Champs-Élysées von Nowa Huta“ (so der Fremdenführer über die Lenin-Allee) nicht ohne weiteres abriegeln. Dazu waren, wie Archivaufnahmen belegen, Hundertschaften von Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern notwendig. Völlig zu Recht wurde „Richtung Nowa Huta“ bei der heurigen Diagonale als Bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Ab 12.10. im Filmhauskino (OmU)

 

„Falter“ Nr. 41/2012 vom 10.10.2012