„Zwischennutzung“ Premiere bei der Diagonale 2022

(© Diagonale, Katalogtext, as)

Unweit des Wiener Hauptbahnhofs, noch knapp außerhalb des Einzugsgebiets der „Stadtentwicklung“: In einer ehemaligen Wurstfabrik arbeiten und begegnen sich Künstlerinnen, Geschäftsleute, Handwerkerinnen. Bilder werden übermalt, Räume neu genutzt, Autos repariert: Hier verändern sich die Dinge, statt auf dem Reißbrett neu entworfen zu werden. Auch der Regisseur Dariusz Kowalski ist hier Mieter, unternimmt gelassene Erkundungen an einem lebhaften Ort in stetem Wandel.

Leere Europaletten stehen etwas windschief aufeinandergestapelt im Hof. Die Standardisierung wird an diesem Ort noch etwas aufgeschoben. Die ehemalige Fleischfabrik „Spitzauer-Weisser“ liegt in einem kleinen Industriegebiet. Ihr bröckelnder Putz wird von einer Reklametafel überragt, die auf eine das Gelände begrenzende Stadtautobahn gerichtet ist. Unweit des neuen Wiener Hauptbahnhofs liegt der Gebäudekomplex vermeintlich noch außerhalb des Einzugsgebiets der Gentrifizierung. Eine „coole Gegend“ sei es schon, sagt der Makler. Man müsse nur eine „gewisse Grunddynamik zulassen“. Regisseur Dariusz Kowalski hat dort sein Atelier und widmet sich in seinem Film der Dynamik, die schon, oder besser: noch da ist.
Die Räume der alten Fabrik werden vielfältig genutzt, die Mietverträge allerdings nur für zwei Jahre verlängert. Das anstehende Verschwinden mitsamt vorauseilender Wehmut ist diesem Ort bereits eingeschrieben. Noch begegnen sich hier Künstlerinnen, Geschäftsleute und Arbeiterinnen, pflegen zugewandten Kontakt. Wo einst Wurst produziert wurde, probt heute eine Metalband, organisiert ein libanesischer Lebensmittelhändler seine Waren, hat eine Teppichreinigung genug Platz für ihre wuchtigen Maschinen gefunden. Kowalski beschreibt diese von der „Stadtentwicklung“ vorerst verschonte Insel – mit Werkstätten, Studios, Lagern und Proberäumen eindeutig ein Ort der Arbeit – in ihrem eigenen Tempo: gelassene Geschäftigkeit statt gestressten Workflows. In statischen Einstellungen begegnet er seinen Protagonistinnen. Sie erzählen, wie sie aus Brooklyn, aus Beirut oder vom Balkan hergekommen sind. Oder einfach wie sie die Aussicht auf die Autobahn genossen haben, bevor diese wohlmeinend von einer Lärmschutzwand verbaut wurde. Und sie lassen sich von ihrem Nachbarn bei der Arbeit begleiten: etwa ein muskulöser Mechaniker, der beim Schweißen immer wieder kurz die Augen schließt – aus Sicherheitsgründen.
Die sommerlichen Eindrücke dieses Ensembles enthüllen in einer ruhigen Montage bedächtig wie nachhaltig ihre politische Dringlichkeit. So werden Orte der Entfaltung erfahrbar, die ihre Funktion wechseln und sich in der Nutzung durch diverse Mieter
innen verändern durften. Das Handeln der Nachbar*innen wird indes als Geste wider stete Verwertbarkeit und Verdrängung lesbar: Im Atelier wird vorsichtig eine neue Farbschicht auf ein Gemälde aufgetragen, in Werkstätten werden alte Dinge gereinigt, ausgebessert und in der Not die Rechnung angeschrieben. Wertschöpfung geschieht hier nicht auf Kosten des Bestehenden – es herrscht Nachsicht für das Halbfertige. Diesen Modus des Arbeitens nimmt Zwischennutzung auf, zeigt behutsam, ohne ein fertiges Narrativ zu bedienen, die Lebendigkeit dessen, was noch da ist.

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