FID Marseille, 2008

Nicolas Feodoroff. FID Marseille 2008

1. Video surveillance is central in your previous two films, Luukkaankangas-updated, revisited (2004), with collected shots of Finnish roads and Elements (2005), focused on Alaskan landscapes. Origin of this project?

Der Ausgangspunkt für meinen Film war eine Seite im Internet (www.opentopia.com), auf der mit einem speziellen Suchbegriff Tausende von versteckten Überwachungskameras heraussgefiltert wurden, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren, sondern zur Kontrolle von Arbeitsplätzen, Universitäten, privaten und öffentlichen Räumen dienten.

Ich habe mich in früheren Arbeiten mit urbanen Transiträumen wie Autobahnen oder Flughäfen als Nicht-Orten ( Marc Augé ) im Prisma der Überwachung beschäftigt.

Bei Optical Vacuum hat mich interessiert wie sich im Internet  Voyeurismus und Überwachung, aber auch das freiwillige Sich-Zurschaustellen wechselseitig bedingen.

Durch die Webcams hat das Internet sozusagen Millionen von Augen bekommen, und diese kameramannlose automatisierte Bilder haben mich durch ihre spezifische angewandte Ästhetik fasziniert. Internet ist heutzutage eine Art Archiv und ein mächtiger Bildgenerator zugleich.

2. How did you meet the American painter and graphic artist Stephen Mathewson. What about  his diary?

Als ich Steven Mathewson an der Sommerakademie in Salzburg 1994 zum ersten mal getroffen habe,  hat er damals kein  Deutsch gesprochen und ich kein Englisch. Wir haben uns trotzdem blendend unterhalten und haben 3 monate zusammen gearbeitet ohne dass wir die selbe Sprache gesprochen haben. Wir haben dann noch drei Sommer lang gemeinsam gearbeitet und Jahr für Jahr hat jeder die Sprache des Anderen gelernt. Wir haben uns für Jahre aus den Augen verloren und haben uns in Wien zufällig in einem Second Hand geschäft getroffen, und vom ersten Moment an war es klar dass wir wieder was gemeinsam machen wollten. Stephen ist Maler, Grafiker und auch Musiker, als wir mal im Auto fuhren, spielte er mir einen schrägen Song über ein Fake-Festival vor, in dem er alle möglichen Leute anruft, und sie zu dem imaginären „Hybridfestival“ einlädt. Er spielte die Stimme auf einem Diktafon ein, um die schlechte Qualität der Telefonstimme zu simulierern, und ich dachte sofort;  warum nicht genauso diese Art von Stimme in einem Film verwenden? Ich konnte mich nicht an ein Beispiel erinnern, in dem die ganze Offstimme vom Diktafon gekommen wäre.

Das Diktafon hat etwas von einer distanzierten Funkstimme wie aus einer Raumstation, und wirkt direkter, nicht so trocken wie eine Studioaufnahme. Die Audioaufzeichnungen enstanden unabhängig vom Bild und  Stephen wusste nicht bis auf wenige Ausnahmen, wie das Bild ausschauen würde. Ich wollte dass die Stimme und Bild  parallel laufen und sich nicht beeinflussen, damit freie Assoziationen beim Zuschauern möglich wären.

3. A private diary (about art), public spaces, webcams : a film about voyeurism and self-exposure?

Wenn Überwachung der Gesellschaft wirklich Angst machen würde, warum geht niemand auf die Strasse?

Heute ist es möglich jedes Mobiltelefon über Satellit bis auf ein Meter geografisch zu orten, oder gar abzuhören. Google erstellt Userprofile nach jedem Suchbegriff, den man eingibt, und spricht mit den mächtigsten Regierungen dieser Welt, was zensuriert gehört. Längst verwendet jeder jene Technologie, die das Überwachen ermöglicht. Statt dem Big Brother gibt es viele „Small Brothers“, die freiwillig sich selbst und andere überwachen, oder ungeniert auf Facebook.com ihre Privatsphäre preisgeben.

Eine ähnlich aufgeregte Debate wie Anfang der 80-er Jahre in Deutschland beim Einführen der Videoüberwachung im öffentlichen Raum, scheint es heute nur in den Internetforen zu geben. Voyeurismus und Exibitionismus geht Hand in Hand im Internet, und die Bilder sind sehr inflationär geworden.

Ich wollte einen Anti-Essayfilm aus Überwachungsbildern machen, und keine hochtrabende reflektierte und komentierende Stimme verwenden, sonderen diesen anonymen kalten Webcambildern eine radikal persönliche Geschichte entgegensetzen.

Die Idee mit dem Tagebuch war die, dass Stephen ein Jahr lang (2007) Tagebuch- Aufzeichnungen macht, allerdings nicht in einem Heft sondern auf ein Diktafon. Ich machte keine Vorgaben wie und was, und es war zunächst eine Gratwanderung ob das Tagebuch über das Persönliche hinaus eine Geschichte als Ganzes ergeben würde. Ich kannte aber gut genug die offene, humorvolle und präzise Art wie Stephen Dinge beschreibt und  wusste dass er seine Erzählungen auf eine allgemeinere Ebene heben würde und einen Bogen vom Dokument zu Fiktion spannen kann.

Man verwendet die Sprache anders beim Schreiben und ganz anders wenn man redet, besonders wenn man mit sich selbst redet. Jeder hört seine innere Stimme, aber es ist definitiv anderes seine eigene Gedanken zu hören und sie gleichzeitig beim Entstehen aufzunehmen. Genau diese unmittelbare und spontane Form der Sprache hat mich interessiert. Spannend  war gerade jene Form des Redens über sich und mit sich selbst – der Grad wie viel man von sich preisgeben kann, was beim Schreiben schwieriger ist, weil es viel mehr zensuriert und kaschiert wird. Als ich die ersten Aufzeichnungen bekommen habe, war ich verblüfft von der imaginären Du-Form. Es war wie wenn Stephen zu einem unsichtbaren Gesprächspartner reden würde, dessen Absenz mit dem optischen Vacuum auf der Leinwand korrespondierte.

4. The soundtrack is very present. How did you work with Stefan Németh?

Ich arbeite mit Stefan Németh seit 7 Jahren zusammen und er hat für alle meine Filme die Musik gemacht. Unsere Wurzeln liegen in der sogenannten „Wiener Elektonik Szene“, deren musikalische Formensprache meine musikalische  Sozialisation geprägt hat.

Für „Optical Vacuum“ entwickelte Stefan ein Motiv für die Szene namens „Lullaby“ und wir beschlossen sehr schnell von diesem Motiv sämtliche Variationen zu kreieren. Wir wollten der Stimme möglichst viel Raum geben und haben versucht  gewisse Stimmungen zu verstärken. Da Webcams keinen eigenen Ton haben war es wichtig immer wieder eine passende Atmosphäre zu erfinden.

5. Even if video surveillance issues are quite frightening, there is however a large part of humor in your film. Is this aspect important for you?

Für mich auf jeden Fall! Stephen verfügt über eine gesunde Portion von selbstironie und ist ein Typ mit einem ausgesprochenen Sinn für Humor. Die humorvollen Beschreibungen im Film gehen auf ihn zurück, aber da treffen wir uns sehr gut. Stephen Mathewson macht neben Malerei, Grafik und Musike auch Comics. Seine Comicgestalten leben ihr eigenes Leben, und ich frage ihn manchmal wie es grade bei „Charls“ oder “ Kim“ so läuft, also bei den Protagonisten aus seinen Comics. Kurzlich hat er mich in sein Comic eingebaut, in dem ich einen Regisseur namens „Dazz Konwinski“ spiele. Die Geschichte geht so:

„Charls fährt nach Hollywood den Regisseur Dazz Konwinski besuchen, in dessen Film “ Der keltische Zahnarzt“ ein Bär über die Strasse läuft. Der Mann im Bär-Kostüm sagt etwas, aber man versteht es nicht im Film. Deswegen beschliesst Charls nach Hollywood zu fahren um den Regisseur persönlich zu besuchen, um die geheimmen Worte des Bären zu erfahren.“