FILMS

Zwischennutzung

A 2021 95 min
Dokumentarfilm Orig. Sprache Deutsch
Untertitel/ Englisch

Der Wiener Zentralbahnhof mitsamt seinen monochromen Bürogebäuden und Apartmentblöcken im Sonnwendviertel kommt in Zwischennutzung von Dariusz Kowalski nur nebenbei als eine Kulisse ins Bild, vor der die Jugend aus Favoriten Fußball spielt. Statt um Stadtentwicklung vom Reißbrett geht es in dem Dokumentarfilm um wild gewachsene Strukturen: um ein Dazwischen, eine Nische, die gut versteckt im Niemandsland zwischen Stadtautobahn und Industriestandorten liegt. Dort steht die ehemalige Fleischfabrik, die für eine bunte Truppe aus Unternehmern und Kreativen filetiert wurde. Der Probenraum einer beherzten Growl-Metal-Band ist darunter oder das Atelier des Konzeptkünstlers Fabio Zolly, eines Bekannten des Filmemachers. 

Ein Geflecht aus Interessen und Perspektiven, so vielfältig, wie sie in Wien nur selten anschaulich werden. Zolly erinnerte das Gelände mit Blick auf den Durchzugsverkehr an seine Zeit in Brooklyn, weshalb er sich hier gleich wohl fühlte; andere wie einen libanesischen Lebensmittelhändler oder die Betreiber von Autowerkstätten hat der Zufall hier her verschlagen. Aus vielen unterschiedlichen Ländern, wohlgemerkt, weshalb Kowalskis umsichtiges Porträt dieses Ortes auch ein Stück Migrationsgeschichte verdichtet. Was der Immobilienmakler, dem das Grundstück gehört, einmal als „Nachhaltigkeit in der Verwertung“ bezeichnet, wird hier in Handgriffen konkret: Teppiche werden gewaschen, Autos in Stand gebracht, selbst ein Künstler „übermalt“ ein früheres Bild, will aber die darunter liegenden Texturen bewahren. 

Kowalskis Film hat eine vergleichbare Ausrichtung. Zwischennutzung kommt einer Anklage von Gentrifizierung, wie sie etwa Su Friedrichs Gut Renovation leistet, zuvor. Er möchte den Charme eines Dauerprovisoriums bewahren, der sich vielleicht erst auf den zweiten Blick erschließt. Keine aufgesetzte Dramatik stört die gelassene Montage aus omentaufnahmen, eher leitet sie hintersinniger Humor. Der streunende Hund Lomo hält das Album zusammen, ein Anflug von Melancholie ist unvermeidlich. Obwohl der erste Satz des Films so wienerisch „Es ist wurscht“ lautet: Gar nicht wurscht, wenn solche Orte verschwinden.

Text: ©Dominik Kamalzadeh, ©sixpackfilm

Zwischennutzung

A 2021 95 min
Dokumentarfilm Orig. Sprache Deutsch Untertitel/ 
Englisch

Regie: Dariusz Kowalski
Kamera: Martin Putz
Montage: Dieter Pichler
Ton/Sound Design: David Almeida Ribeiro
Musik: Stefan Németh
Mischung: ingo pusswald (BLAUTÖNE)
Produktion: Dariusz Kowalski

Mit Unterstützung von
Bundesministerium für Kunst, Kultur,
öffentlicher Dienst und Sport / Federal
Ministry for Arts, Culture, the Civil Service
and Sport, Wien Kultur MA 7

sixpackfilm.com


Making-of

„Der Mann mit der Kamera“ – Martin Putz plus eine blinde Passagierin.
Direkt an der Tangente,- ein Gewitter beendet die Aufnahme.
No animals were harmed. ( Ton unbrauchbar )
Der Tonmann David Almeida-Ribeiro
Irgendwie ist das Bild unruhig.
Noch eine Atmo von der Autofahrt.
Dolly Fahr Vehikel
Im Studio bei Dieter Pichler. Montage.
Das Elektrowagerl klingt doch anders als gedacht.
Das Orginal bei der Farbbestimmung, und sein Abbild auf der Leinwand im Hintergrund.
Lomo bevorzugte eher das Sofa.
Im Tonstudio Blautöne: Sound Design: David Almeida-Ribeiro und Tonmischung Ingo Pusswald.
Kurt Hennrich aka Jimmi vor seinem Studio. Farbbestimmung.
Ingo und David.
Das Konzept auf einen Blick.