Filme

Luukkaankangas-updated,revisited

Sound: Stefan Németh

Mastering: Martin Siewert

A 2005 Beta-Sp  8 Min

Luukkaankangas-updated,revisited

Text: Marc Ries

©Kunstverein Medienturm

In Finnland nehmen Webcams der Finnish Road Administration permanent Bilder aller wichtigen Straßen auf, die dann in einem Intervall von 15-30 Minuten ins Internet gestellt werden. Bevor sie also wegfahren, können die Finnen ihre Straßen zunächst als ein Bild einsehen, und entscheiden, ob sie sie benutzen wollen oder nicht. Entscheidend ist wohl, dass die Kameras die Bilder automatisch, ohne Kameramann, aufnehmen, es also bloße Funktionsbilder sind, ohne jegliche ästhetische Referenz. Der systematischen Leerstelle auf der Seite der Produktion steht eine hoch individualisierte Rezeption gegenüber.

Dariusz Kowalski gestaltet – ebenfalls als User dieser Bilder – aus ihnen eine singuläre filmische Dramaturgie. Die serielle Montage der Einzelbilder, ihre Entfunktionalisierung und Raffung lässt diese nunmehr als gänzlich andere Bilder lesen. Die Straßen erleben eine eigentümliche Animierung, Beseelung. Sie werden als Organismen wahrgenommen, die sich mit den Licht und Schattenspielen, mit den Wetterverhältnissen und Jahreszeiten verändern. Die Straßen pulsieren, vibrieren, verwandeln sich nach scheinbar uneinsehbaren Gesetzen. Sie beeindrucken, da oft gar keine Autos zu sehen sind, als Gebilde mit selbstreferentiellem Charakter.

Von erhöhten Positionen aus konstruieren die Aufnahmen eine distanzierte, kontrollierende Visualisierung der Straßenzüge. Bei Foucault heisst es: “Je anonymer und funktioneller die Macht wird, umso mehr werden die dieser Macht unterworfenen individualisiert.” Je intensiver die Macht der Road Administration mittels Webcams die Straßen kontrolliert, umso mehr erscheinen diese als Individuen, als einzigartige Organismen, die jeder für sich eine besondere ästhetische Existenzweise beanspruchen. Vielleicht bekommen demnächst auch die Landstraßen und Autobahnen Eigennamen, um ihrer Individualisierung gerecht zu werden.

In Finnland, webcams of the Finnish Road Administration record permanently pictures of all important roads . These images are then placed in the internet in an interval of fifteen to thirty minutes. Before their departure, the Finns thus first can read back their streets as an image to decide whether they use them or not. Crucial is perhaps that the cameras record the images automatically without cameraman, they thus are mere function-images without any aesthetical reference. The systematic blank on the part of the production faces a highly individualized reception.

Dariusz Kowalski – himself user of these images – designs a singular cinematic dramaturgy out of them. The serial montage of the individual images, their disfunctionalizing and gathering lets these become readable as completely different images. Through the study the streets experience a peculiar animation, inspiration. They are perceived as organisms that are changing with the play of ligths and shades, with the weather conditions and seasons. The streets pulsate, vibrate, mutate according to seemingly mysterious laws. They impress, since often no cars are seen, as a formation with self-referential character.

Positioned in elevated locations, the recordings fabricate a distanced, controlled vizualization of the street blocks. Foucault says: „The more anonymous and functional the power becomes, the more individualized become those who are subjected to this power“. The more intense the Road Administration’s power controls the streets by means of webcams, the more these appear as individuals, as unique organisms, claiming each on its own a particular aesthetical way of existance. Perhaps, the country roads and highways are given proper names, in order to do justice to their individualization.

(Marc Ries, © medienturm graz)

Überlegungen zu “Luukkaankangas – updated, revisited“

von Dariusz Kowalski

Text: Marc Ries

1.

Das Bild der Strasse in der Arbeit von Dariusz Kowalski existiert bereits vorab, gewissermaßen als ein a priori. Man könnte es vielleicht so formulieren: Die Bedingung der Möglichkeit, Strasse als Bild zu haben, liegt im gesellschaftlich-historischen Zwang, alles Real-Vorliegende als imaginäres, besser: als mediales zu verdoppeln. Im 21. Jh. gilt, dass jeglicher Erfahrung bereits ein Bild des Zu-Erfahrenen vorausgeht. Das hat nichts mit Kulturindustrie zu tun, sondern mit einer ontologischen Umgruppierung. Das Bild ist, so ästhetische Theorie heute, nicht mehr letztes Element einer Seinshierarchie, sondern gleichwertiges Teil zu allen anderen Elementen, vor allem zum Denken. Ein ikonisches Paradigma – in Medizin, den Natur- wie Geisteswissenschaften, aber auch in der Militärforschung – behauptet sich gegen das logisch-symbolische Paradigma des frühen XX. Jh., dem linguistic turn wir ein iconic turn beigestellt. „Visualisierung“ ist zu einer erkenntnis-theoretischen Leitfigur vieler Felder unserer Kultur avanciert, der sich Erfahrung und Wissen unterzuordnen haben. Sie sind abhängig von, ja allererst Ergebnis, Resultante der Visualisierung. Also überrascht es nicht, dass in Finnland auf allen wichtigen Strassen Webcams der Finnish Road Administration die Strasse als solche, in ihrem Sosein, ihrer „Befindlichkeit“ aufnehmen, fotografieren, diese Bilder werden dann in einem Intervall von 15-30 Minuten ins Internet gestellt. Bevor sie also wegfahren, können die Finnen ihre Strassen zunächst als ein Bild einsehen, sich ein Bild von den Strassen machen, und entscheiden, ob sie sie benutzen, befahren wollen oder nicht. Entscheidend ist wohl, dass die Kameras die Bilder automatisch, ohne Kameramann, aufnehmen, es also bloße Funktionsbilder sind, ohne jegliche ästhetische Referenz. Der systematische Leerstelle auf der Seite der Produktion steht eine hoch individualisierte Rezeption gegenüber. Die ikonische Verifizierbarkeit der Strassenqualität ist für jeden Beobachter ein lustvolles Verfahren, ein jeder wird in die Lage versetzt, seine agency qua Bild – und eben nicht mittels Sprache oder sonstiger Zeichensysteme – zu motivieren. Vermutlich wird die tatsächlich Fahrt auf den Strassen dann zu einem Real-Roadmovie.

2.

Die von Dariusz Kowalski herbeigeführte Manipulation der Einzelbilder in animierte Videosequenzen ist in künstlerischer Hinsicht eine plausible Konsequenz dieser Handlungslogik. Der User Krzeczek gestaltet eine singuläre filmische Dramaturgie der von ihm appropriierten Bilder. Das Video, so der Autor, „abstrahiert von der verkehrstechnischen Aufgabe der Strassenbilder, fokussiert das formale Bild der Strasse als Linie, Bahn oder Hieroglyphe in der Landschaft“. Die serielle Montage der Einzelbilder, ihre Entfunktionalisierung und Raffung, teils in diachronen, teils in synchronen Kombinationen, lässt diese nunmehr als gänzlich andere Bilder lesen. Die Strassen erleben durch die Studien eine eigentümliche Animierung, Beseelung. Sie werden als Organismen wahrgenommen, die sich mit den Licht und Schattenspielen, mit den Wetterverhältnissen und Jahreszeiten verändern. Die Strassen pulsieren, vibrieren, verwandeln sich nach scheinbar uneinsehbaren Gesetzen. Sie beeindrucken, da oft gar keine Autos zu sehen sind, als Gebilde mit selbstreferentiellem Charakter. Und wenn Automobile wie aus dem Nichts aufblitzen, dann sind sie eher Zitate ihrer selbst, denn eigenmächtige Referenten. „Ästhetische Untersuchungen“ nennt Dariusz Kowalski seine Arbeit, die Bilder, sie gibt es bereits als Found-Footage Material eines Strassenkontroll- und Medienverbundsystems, nun gilt es sie mittels bestimmter Verfahrensweisen zu überhöhen, sie einer Lektüre zu unterziehen, die ihren Gegenstand, die Strasse, in einer Weise zeigen, wie er vorher kaum gelesen und verstanden wurde. Das industrielle Artefakt Strasse erfährt in diesen Animationen eine „Auferstehung“ als ästhetische, wird als Bild erkannt und als Individuum begriffen. Unterstützt wird diese Beobachtung durch das „Rahmenwerk“ (Polyani) der Webcam-Bilder, d.h. die stets gleichbleibende Totale aus der Luftperspektive. Von erhöhten Positionen aus konstruieren die Aufnahmen eine distanzierte, kontrollierende Visualisierung der Strassenzüge, versuchen eine nahezu komplette „Aufsicht“ des Geländes zu bieten. All dies trifft sich in eigentümlicher Weise mit den Ausführungen Foucaults zur Individualisierung als Effekt von Disziplin und Kontrolle: „Je anonymer und funktioneller die Macht wird, umso mehr werden die dieser Macht unterworfenen individualisiert.“ Je intensiver die Macht der Road Administration mittels Webcams die Strassen kontrolliert, umso mehr erscheinen diese als Individuen, als einzigartige Organismen, die jeder für sich eine besondere ästhetische Existenzweise beanspruchen. Vielleicht bekommen demnächst auch die Landstrassen und Schnellstrassen und Autobahnen Eigennamen, um dieser ihrer Individualisierung gerecht zu werden.

Notions on “LUUKKAANKANGAS – updated, revisited” by Dariusz Kowalski

Text: Marc Ries

1.

The image of the street in the work of Dariusz Kowalski exists already beforehand, in a manner of speaking as an a priori. One could perhaps formulate it this way: the condition of the possibility to have street as image, lies in the social-historical compulsion to double everything real-existing as imaginary, better: as medial one. To the twenty-first century applies, that all experience is preceded already by an image of the to-be-experienced. This has nothing to do with culture industry, but with an ontological regrouping. The image is, in accordance with today’s aesthetical theory, not any more last element of a being-hierarchy, but equal part to all other elements, foremost to thought. An iconic paradigm – in medicine, the natural sciences and humanities, but also in the military research – manifests itself against the logical-symbolic paradigm of the early twentieth century: an iconic turn is added to the linguistic turn .

“Visualization” has advanced to a cognition-theoretical leading figure of many fields of our culture, to which experience and knowledge have to submit. These are dependent on, first of all result, representatives of the results of the visualization. Also, it does not surprise that in Finnland on all important roads, webcams of the Finnish Road Administration record or photograph the street as such, in its being as it is, in its “condition”; these images are then placed in the internet in an interval of fifteen to thirty minutes. Before their departure, the Finns thus first can read back their streets as an image, to visualize an image of the streets and to decide whether they use them, pass over them or not. Crucial is perhaps that the cameras record the images automatically without cameraman, they thus are mere function-images without any aesthetical reference. The systematic blank on the part of the production faces a highly individualized reception. The iconic verifyability of the quality of the street is a pleasure-oriented procedure, everyone is enabled to motivate his agency qua image – not just by means of language or other sign systems. Presumably, the actual trip on the streets then becomes a real-road-movie.

2.

The manipulation of the individual images, produced by Dariusz Krzeczek in animated video sequences, is a plausible consequence of this logic of acting. The user Kowalski designs a singular cinematic dramaturgy of the images, which he appropriates himself . According to the author, the video, “abstract of the traffic-related task of the street images, focuses on the formal image of the street as line, lane or hieroglyph in the landscape”. The serial montage of the individual images, their disfunctionalizing and gathering, partly in diachronic, partly in synchronous combinations, lets these become readable as completely different images. Through the study the streets experience a peculiar animation, inspiration. They are perceived as organisms that are changing with the play of ligths and shades, with the weather conditions and seasons. The streets pulsate, vibrate, mutate according to seemingly mysterious laws. They impress, since often no cars are seen, as a formation with self-referential character. And when automobiles flare up as out of the nothingness, then they are rather citings of themselves, than independent referees. Dariusz Kowalski entitles his work “aesthetical analysis”; the images, they exist already as found-footage material of a street control- and multi media system – the point now is to superelevate them by means of specific procedures, to submit them to an interpretation which shows its motif, the street, in such a way as it hardly has been read and understood before. The industrial artefact street experiences in these animations a “resurrection” as aesthetical one, is recognized as image and comprehended as individuum. This observation is supported by the “frame work” (Polyani) of the webcam-images, meaning the always constant remaining long shot from the bird’s-eye view. Positioned in elevated locations, the recordings fabricate a distanced, controlled vizualization of the street blocks, trying to offer a nearly complete “supervision” of the area. All this in a peculiar manner meets Foucault’s comments on individualization as effect of discipline and control: “the more anonymous and functional the power becomes, the more individualized become those who are subjected to this power”. The more intense the Road Administration’s power controls the streets by means of webcams, the more these appear as individuals, as unique organisms, claiming each on its own a particular aesthetical way of existance. Perhaps, the country roads, motor highways and motorways are given proper names, in order to do justice to their individualization.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Filme