Ausstellungen

Videorama

Videorama

Kunstclips aus Österreich

Kunsthalle Wien, 4. November 2009

Zeitkristallisationsmaschinen […] repräsentieren die Welt nicht, sie kristallisieren sie durch Kontraktion und Ausdehnung der Zeit und tragen so zu ihrer Konstitution bei.

Maurizio Lazzarato

Keine überlangen Kompilationen, keine langatmigen Dokus und keine Aneinanderreihung von Black Boxes! Videorama – vom panoramatischen „alles Sehen“ in einer von Bildern überströmten und Kamera überwachten Welt, in der sich als Reaktion zunehmend der Scheuklappenblick einstellt, zum konzentrierten Video, zum „ich sehe“, wie es aus dem Lateinischen übersetzt heißt. Vom Überblick auf das österreichische rezente Videoschaffen des Archivs zu einer Ausstellung mit Werken, die Zeit als formbares und sich im Raum entfaltendes Material versteht. Der Mensch des 21. Jahrhunderts agiert tagtäglich in mediatisierten Räumen, in der so genannten „Reality“, wie es Theoretiker nennen: seien es die traditionellen Medien wie Telefon, Radio, Fernsehen, Kino oder auch das Internet, Facebook, Blogs, die sich längst in unser Leben eingeschlichen und mit unserem physischen Dasein verbunden haben. Ein stetiger Fluss von Laufbildern lässt auch den Besucher des Videoramas taumeln. In der Schau wird die aktuell erlebte Durchdringung von Realität und Virtualität durch eine Inszenierung der „Reality“, durch eine in der Wahrnehmung provozierte Verschmelzung von Ausstellungsraum und Zeitkunstwerk verfolgt. Neben seinem Unterhaltungswert im Spielfilm und Musikvideo funktioniert das bewegte Bild heute maßgeblich als Botschafter von Information, Illustrator von Nachrichten und gilt gar als Störenfried im öffentlichen sowie privaten Raum. Das Laufbild und der Kunstclip sind wie kein anderes Medium an die Apparatur und die technischen Errungenschaften und deren rasante Entwicklungen gebunden. Videorama will einen Umgang mit Bild und Technik vorstellen, der uns nicht die Augen schließen lässt, sondern wieder sehen lässt – den Kunstwert des Laufbildes präsentiert. Es geht um die Dialektik von visueller Überforderung und ästhetischer Konzentration, um ein Eintauchen in Erlebnisräume bei gleichzeitiger Sensibilisierung und Feinkalibrierung des Wahrnehmungsapparates. Die Schau, die von Wien ausgehend international wandert, präsentiert österreichische Video- und Filmarbeiten, die schwerpunktmäßig aus den letzten zehn Jahren stammen sowie diverse Premieren wie Walter Seidls aktuelle Bearbeitung von Lessings aufklärerischem Politstück über Emilia Galotti mit einem Text von Elfriede Jelinek. Die KünstlerInnen von Videorama arbeiten gleichermaßen mit aufwändigen wie einfachen Mitteln, filmen, animieren, dokumentieren und greifen vielfach auf vorhandenes Bildmaterial aus Kunst und Alltag zurück: So leuchtet uns das Kerzenlicht von Franz Schuberts Animation den Weg in die Ausstellung und lässt dabei an große Kunst von Gerhard Richter und Popkultur von Sonic Youth denken. Thomas Draschan, BitteBitteJaJa und Axel Stockburger sampeln aus Fragmenten ein neues Ganzes, das sich als digitale Montage in einem orchestralen Neben- und Hintereinander entfaltet. Die bewegten und bewegenden Bilder der „Daydream Nation“ geben wie bei Rudolf Polanszky und Axel Stockburger Skurilles abseits der Norm preis, bemühen Exzentrik und Outsidertum. Expressiv arbeiten Mara Mattuschka/Gabriele Szekatsch, sie kreieren in theatralisch gestalteten Settings Narrative, die eine Ästhetik zwischen Science Fiction und historischer Rückbezüglichkeit bemühen; Unternehmen Arschmaschine oszilliert zwischen Aufführungs- und Vorstellungsraum. Auch Rainer Ganahl überhöht seine filmischen Welten surreal, wenn er skulpturale Elemente – Pistolen aus Keramik, Dildos aus Marmor, dysfunktionale Trinkgefäße – in sein Nonsense Epos einfügt. Einen genremäßigen Balanceakt zwischen Theater, Tanz, Tableaux vivant und Film führt Markus Schinwald auf. Johannes Hammel setzt Körper performativ in Szene, er definiert in tänzerischen Konstruktionen das Verhältnis von Mensch, Umraum und Aktion; es stellen sich Fragen nach Formen der Selbstbeherrschung, Kontrolle und Disziplin. Granular Synthesis und Dariusz Kowalski transzendieren opto-akustische Reize in teils schmerzliche Erfahrungsräume und untersuchen präzise die Wechselbeziehungen von Bild und Sound. Stets provokant bleiben Leopold Kessler, Stermann & Grissemann, wenn sie gesellschaftliche Konventionen in Frage stellen und Normen subtil untergraben. Die Bilder, die die Schau präsentiert, schwimmen dem Strom der Zeit mal perfektionistisch, mal trashig entgegen und beweisen häufig wie auch Erwin Wurm und Anna Jermolaewas Affentheater Humor, der direkt ins Schwarze trifft.

Piktorialität at its best!

Kuratorin: Angela Stief

KünstlerInnen: Klaus Auderer, Renate Bertlmann, BitteBitteJaJa, Paul Divjak, Thomas Draschan, Tomas Eller, Tina Frank/Peter Rehberg, Rainer Ganahl, Granular Synthesis / Kurt Hentschläger & Ulf Langheinrich, Johannes Hammel, Nicolas Jasmin, Anna Jermolaewa, Susanne Jirkuff, Leopold Kessler, Dariusz Kowalski, Stephan Lugbauer, Sabine Maier, Mara Mattuschka & Gabriele Szekatsch, Josh Müller, Rudolf Polanszky, Gerwald Rockenschaub, Markus Schinwald, Franz Schubert, Veronika Schubert, Walter Seidl / Stefan Geissler, Hubert Sielecki / A.S.K., Station Rose, Stermann & Grissemann, Axel Stockburger, Erwin Wurm, Heimo Zobernig

Publikation: Anlässlich der Ausstellung erscheinen 2 DVDs mit Booklet, (ca. 60 S., dt./engl.) im Benteli Verlag. Hrsg. von Kunsthalle Wien, Gerald Matt, Angela Stief und Gerhard Johann Lischka